Seit gestern weile ich wieder sicher in Deutschland aber eine Geschichte gibt es noch, die ich erzählen möchte.
Wieder einmal waren wir bei Rudi zum Braai eingeladen geworden. Das hieß für gewöhnlich Massen von Fleisch grillen, Rugby schauen und die ein oder andere Flasche Alkohol leeren. Das dieser Abend anders werden sollte, konnte jedoch niemand von uns ahnen.
Bis kurz vor 1 Uhr nachts verlief alles wie gewohnt. Die Fleischberge waren vernichtet, der Alkohol zirkulierte durch den Blutkreislauf und das Gefühl der langsam einsetzenden Müdigkeit sagte einem, dass es Zeit wird nach Hause zu gehen.
Wir saßen zu siebent in Rudis Wohnzimmer. Einem typisch südafrikanischen Wohnzimmer. An der Wand hängt ein ausgestopftes Wildtier. Die großen Fenster sind mit Gittern geschützt und die Wände, in sanftem Gelb gehalten, wirken beruhigend. Rudi, dessen Aussehen einem großen bärtigen Teddybären ähnelt, hatte vor zwei Minuten die Hintertür seines Hauses geschlossen, was er für gewöhnlich nicht macht, denn er wollte jetzt noch ausgehen. Im Hintergrund tönte Musik aus der Anlage. Mein Kopf dachte nur noch an Schlaf, bis ich plötzlich von einem lauten Knall aus meinen Gedanken gerissen wurde.
Ich hatte keinen Ballon gesehen, der hätte platzen können und wunderte mich. Ich schaute nach rechts zum Fenster und konnte von der Couch, auf der ich saß, eine Gestalt am Gitter erkennen. Von nun an verlief alles rasend schnell. Die männliche Gestalt am Fenster rief etwas in einer Sprache, die ich nicht verstand. Er hatte sich ein weißes Laken, das als Maske diente, um den Kopf gebunden. Nur ein Spalt für die Augen war noch frei. Nun wusste ich auch woher der laute Knall kam, in einer seiner schwarzen Hände hielt er eine Handfeuerwaffe. Er zielte auf uns und zögerte nicht davor erneut abzudrücken.
Ich spürte wie das Adrenalin bei jedem Herzschlag stärker in mein Blut gepumpt wurde und hatte das Gefühl in Zeitlupe zu handeln. Ich schnellte von der Couch auf, auf der ich mit Jan und Marius gesessen hatte und machte einen weiten Satz in Richtung des dunklen Flurs. Dabei schaute ich zum Fenster und sah wie die Gestalt in meine Richtung, in der auch Kenny und Gustav saßen, zielte. Erneut fiel ein Schuss mit einer ohrenbetäubenden Entladung.
Kurz vor dem Flur angekommen, warf ich mich auf den Boden und robbte den letzten Meter aus der Schusslinie. So vieles schoss mir in diesem Moment durch den Kopf. Es war schwierig meine Gedanken sinnvoll zu ordnen. Ich schaute zurück zum Wohnzimmer, wo sich Jan gerade von der Couch auf den Boden rollte. Marius saß wie gelähmt da. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich, es seien sicher nur Platzpatronen. Doch dann sah ich Kenny. Sein Arm war voller Blut und ein Gedanke fräste sich tief durch meinen Kopf: „Wir werden heute hier sterben.“
Im Flur versuchte ich wieder klar zu denken, was in solch einem Moment alles andere als leicht ist. Meine Schläfen pochten. Problematisch war, ich kannte mich weder in Rudis Haus aus noch wusste ich, wo es Möglichkeiten zum Herein- und Herauskommen gab, auch über die Zahl der bewaffneten Räuber war ich mir nicht im Klaren. Zu viele Unbekannte.
Ich versuchte mich zu besinnen. Was hat mich meine langjährige „Counter-Strike“ und „Day of Defeat“- Ausbildung gelehrt? Dunkle Stellen nutzen, geduckt an der Wand entlang schleichen und etwas zum Schlagen oder Stechen suchen. Ein Duckjump war hier fehl am Platze. Ich schlich also, ohne Wissen, wie viele Täter sich um oder im Haus befinden könnten, in Rudis Schlafzimmer. Vorbei an Kenny, der sich hinter eine Tür gestellt hatte, um dem Angreifer so zu überraschen.
Das Schlafzimmer war dunkel, die Vorhänge verdeckten ein großes vergittertes Fenster. Es gab weder eine Möglichkeit heraus- noch um hereinzukommen. Ich legte mich so flach es eben ging direkt unter das Fenster, um dem Angreifer nicht die Möglichkeit zu geben, durch das Fenster auf mich zu schießen. Ich fand auch eine Eisenstange, die ich im Notfall als Waffe verwenden wollte. Nach und nach trafen die anderen im Schlafzimmer ein. Kenny hatte einen glatten Durchschuss am Arm, die anderen waren wie durch ein Wunder unverletzt geblieben.
Kenny versuchte 1.08 Uhr die Polizei zu rufen, während wir darauf hofften, dass die Beamten schnell vor Ort sein würden. Doch Kenny hatte die Nummer vergessen! Rudi kam zur Stelle und wählte die Nummer. Aufgebracht machte er den Leuten am Telefon klar, dass wir dringend Hilfe bräuchten. Uns wurde mitgeteilt, dass bald ein Streifenwagen vor Ort eintreffen soll. Das Warten auf die Polizei war nervenaufreibend. Wir wussten weder ob die Täter über alle Berge sind, noch ob sie sich im Haus aufhielten.
Als nach 20 min noch immer kein Streifenwagen eingetroffen war, rief Rudi 1.28 Uhr erneut an. Zorniger denn je machte er dem Beamten unmissverständlich klar, dass wir sofort Hilfe brauchen. „My friend has been shot!„. Wieder gute 20 min später, um 1.48 Uhr traf dann endlich die Polizei ein. Sechs Polizisten mit Maschinengewehren, Handfeuerwaffen und schusssicheren Westen sicherten dürftig den Tatort. Kenny wurde währenddessen von den Sanitätern verarztet.
Im Wohnzimmer sah ich, dass das Projektil die Couch, auf der Nancy gesessen hatte, durchschlagen hatte. Hätte sie 10 cm weiter rechts gesessen, der Schuss hätte sie nicht verfehlt.
Rudis Laptop und Kennys Geldbörse hatten die Täter mitgehen lassen und dafür waren sie bereit Menschen zu töten. Unbegreiflich.
Die Verhaltensweise der Polizisten zeigte uns, dass dies hier Alltag ist und wir eigentlich froh sein sollten, dass wir noch leben. Sie rechneten uns keine großen Chancen aus, den Täter zu fassen. Auch meinten sie, dass dies nie die Tat eines Einzelnen sei. Sie würden sich noch mal melden, wegen Tathergang und so. Unnötig zu erwähnen das dies nicht geschehen ist.
Noch immer aufgelöst und unter Schock brachte uns Marius nach Hause. Dort verriegelten wir alle Türen, Fenster, zogen die Vorhänge zu und gingen ins Bett.
Eine echte südafrikanische Erfahrung!
Den Montag darauf kam die für uns verantwortliche Universitätsangestellte aufgelöst zu unserer Wohnung. Warum wir ihr nicht davon erzählt hätten. Wir hätten sie anrufen sollen, sie hätte uns geholfen. Ah ja, interessant und wie? Aber woher konnte sie das alles wissen? Natürlich, es stand in der Zeitung. Da wird eine beim Vorfall nicht anwesende Person interviewt und zitiert und unsere vollen Namen, sowie das wir deutsche Austauschstudenten an der CUT sind, abgedruckt. Bravo! Warum nicht gleich noch unsere Adresse und Telefonnummern veröffentlichen?! Die Täter werden sich bedanken für so viel mediale Hilfsbereitschaft.
Südafrika hat noch einen beschwerlichen Weg vor sich. Das Land ist alles andere als sicher. In vier Monaten wurde zweimal versucht uns das Handy zu klauen und besonders diese Geschichte zeigt, dass man sich nirgendwo sicher fühlen kann. Es wird in Kauf genommen Menschleben für eine Geldbörse oder Laptop aufs Spiel zu setzen. Ohne Vorankündigung wird direkt geschossen. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist so groß, dass die Armen nichts mehr zu verlieren haben. Anders sind solche Taten nicht zu erklären.
Wie Südafrika ein gutes und sicheres Gastgeberland für die WM 2010 sein will, ist für mich fraglich.